Fronleichnam ist, wenn …

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BuchDie 27 Millionen Katholiken sind angesichts der über 80 Millionen Einwohner in  Deutschland wirklich keine Mehrheit. Doch dieser Minderheit verdankt das ganze Land seit Jahrhunderten den gesetzlichen Feiertag „Fronleichnam“, der immer 60 Tage nach Ostern gefeiert wird. Feiertag und frei für alle, auch für die rund 27 Millionen Protestanten im Land. Diese Minderheit soll sich daher hüten, mit ihrem Martin Luther über Fronleichnam als „schändlichstes Jahresfest“ zu schimpfen. Luther, der ja wider Willen zum Begründer des Protestantismus wurde (er wollte ja eigentlich nur die katholische Kirche reformieren) hat sich über Fronleichnam furchtbar aufgeregt, denn er fand in der Bibel keine Begründung für die Stadt- und Feld-Demo und hielt das märchenhafte Fest  für Gotteslästerung.

Für katholische Kinder des 20. Jahrhunderts war es etwas anderes. Zwar haben auch sie sicher nicht kapiert, was das eigentlich soll, dass „das Allerheiligste“, nämlich eine geweihte Oblate (sie heißt dann Hostie), in einem prunkvoll geschmückten goldenen Kreuz – der Monstranz (neudeutsch in etwa: Hingucker) – unter einem großen Baldachin, genannt „Himmel“, vom Bischof oder anderen hohen kirchlichen Amtsinhabern, durch die Straßen getragen wurde. Oder auf dem Land durch Wiesen und Felder.

An mehreren Stationen, wo Altäre aufgebaut und festlich geschmückt waren, machte man halt. Es wurde gesungen und gebetet. Kleine Mädchen hatten Körbchen mit Blumenblüten um den Hals und streuten die Blüten auf den Weg, möglichst immer direkt unter den „Himmel“. Katholische Jugendgruppen wie Pfadfinder und Frohschar standen am Fronleichnamstag um vier Uhr morgens auf,  um den Platz vor dem Hauptaltar, meistens der größte und schönste Marktplatz des Ortes, mit riesigen „Teppichen“ aus gefärbtem Sägemehl und Blüten zu schmücken. Wunderschöne Bilder entstanden da, und vor allem die Jüngsten fanden es traurig, dass einige Stunden später eine große Prozession von Menschen dies alles zertreten würde.

Aber es hatte auch etwas Großes, stundenlang eine Schönheit herzustellen, die kurz darauf in wenigen Minuten durcheinandergebracht und dahin sein sollte, wenn das Allerheiligste darüber hinweg getragen wäre. Aber damit war es ja noch nicht zu Ende: Die Prozession mit dem „Fronleichnam,“ (das bedeutet nicht frohe Leiche, sondern mittelhochdeutsch „Leib des Herrn“) symbolisiert in der Hostie – versteckt in der Monstranz, beschützt  unter dem Himmel – wurde dann in die größte katholische Kirche getragen, gefolgt von Priestern und Messdienern in langer Reihe; dahinter die Pfadfinder, die große Banner mit ausgestreckten Armen hoch über dem Kopf tragen durften; dann die Pfadfinderinnen, die kleinere Banner auf der Schulter tragen mussten, und schließlich hunderte von Menschen, die hier in der Kirche wieder beten und sangen, dass die Mauern bebten.

Te deum laudamus – Dich, Gott, loben wir. Mit diesem Gesang, unterstützt vom Kirchenchor, großer Orgel und Orchester, endete das Fronleichnamsfest, das nur selten verregnet, sondern meist von blauem Himmel und Sonnenschein gekrönt war.

Das klingt wie eine Geschichte, die Oma aus alter Zeit erzählt. Doch genauso war es bis vor 40, 50 Jahren noch, als die Oma eine junge Frau war, die ihre Kinder für die Fronleichnams-Prozession fein angezogen hat. Oft zum ersten Mal konnten die Mädchen im Spätfrühjahr oder Frühsommer in Kniestrümpfen und die Buben in kurzen Hosen gehen. Die dünnen Beine unter den Hosen der Jungs und über den Kniestrümpfen der Mädels waren noch weiß, die Augen groß, die Wangen heiß vor so viel Aufregung, Schönheit und Musik.

Für heutige Kinder klingt das wie Fiktion. Etwas Ähnliches liegt dem Fronleichnams-Fest tatsächlich zugrunde: Eine Nonne des Augustinerordens, sie hieß Juliana von Lüttich, hatte vor ungefähr 800 Jahren eine Vision. Was sie gesehen hat, wissen wir nicht. Doch den damaligen Papst, den sechsten namens Urban, hat sie überzeugt, dass es wichtig ist, Christus im Symbol der Hostie durch die Straßen und Felder zu tragen, ihn öffentlich zu präsentieren.

Während man normalerweise sonntags zu ihm in die Kirche ging, kam er an diesem Tag heraus und sollte auch mal sehen, was die Menschen Schönes machen. Man zeigte ihm die Häuser und bat um Schutz für die, die darin wohnen. Er sah die Felder und wurde gebeten aufzupassen, dass alles wächst und nicht vom Hagel zerschlagen wird. Wer einen Garten hat, wer Blumen liebt und Gemüse anbaut kann damit ein bisschen was anfangen. Alle andern haben an Fronleichnam frei (oder nicht), dann den Freitag als Brückentag (oder arbeiten), dann Wochenende: Grillen und chillen.

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